"Kreuzweg" von Diane Broeckhoven

Kreuzweg

Gerade eben habe ich das Buch mit dem Titel „Kreuzweg“ zu Ende gelesen und stehe noch ganz unter dem Eindruck des Erzählten.
Die Geschichte beginnt und endet auf einem Bahnsteig in einem kleinen Ort in der Gegenwart.
Auf 110 Seiten dazwischen offenbart die 50jährige Ich-Erzählerin dem Leser ihre Lebensgeschichte. Es ist ein Leben voller Schmerz und Tragik. Über fünfunddreißig Jahre trug sie ein Geheimnis in sich, das sie nie einem anderen Menschen anvertraute.

Das 16jährige Mädchen Judith, deren Namen man erst auf der letzten Seite erfährt, hat Träume wie alle Mädchen ihres Alters. Sie möchte studieren, ein normales Leben führen. Doch ihre geliebte Mutter verunglückt tödlich, ehe sie ihr anvertrauen kann, dass ihr Vater, von Beruf Lehrer und in der Position eines Schuldirektors, sie jeden Dienstagabend während die Mutter zur Chorprobe außer Haus ist, bedrängt – was auch immer das konkret beinhalten mag. Auf jeden Fall spürt sie das Übergriffige, das von ihm ausgeht. Vor allem deshalb hatte sie durchgesetzt, die letzten beiden Schuljahre auf einem französischem Internat verbringen zu können. Nach dem Tod ihrer Mutter muss sie jedoch nach Hause zurückkehren, um ihrem Vater beizustehen.
Und eines Tages versäumt das Mädchen, die Tür ihres Zimmers zu verriegeln - und der Vater tritt herein…: „Es ist mir nie gelungen, zu beschreiben, benennen, begreifen, was danach geschah… Noch heute, so viele Jahre später, finde ich keine Worte für diesen Ausbruch alles Bösen, für diese Katastrophe.“
Aber das Leben geht weiter. Fast normal sitzen sich Vater und Tochter am nächsten Morgen am Frühstückstisch gegenüber und ihr Vater bittet sie um Vergebung.
Während der Vater nach wenigen Monaten seine neue Lebensgefährtin vorstellt und damit seine Trauerarbeit für seine verstorbene Frau und sein Vergehen an seiner Tochter vergessen machen will, nimmt für sie der Albtraum kein Ende, vielmehr steuert sie auf einen erschütternden Höhepunkt zu, den man anfangs nur erahnen kann, der aber zunehmend schreckliche Gewissheit wird und man als Leser genauso wenig eine Lösungsmöglichkeit sieht wie das Mädchen selbst.
Wenn sie wissen wollen, was dem Mädchen widerfährt und wie sie eine Strategie sucht, das Erlebte zu ertragen, dann sollten Sie das Buch unbedingt zur Hand nehmen.
Mit Sicherheit ist es eine schmerzvolle und beklemmende Lektüre und trotzdem oder gerade deshalb ist es dank der Sprachgewalt der Autorin für mich ein literarisches Highlight.

Weiterer Titel im Bestand der Mediothek von Diane Broeckhoven:   "Einmal Kind, immer Kind"(2005), "Ein Tag mit Herrn Jules" (2005) und "Herrn Sylvains verschlungener Weg zum Glück" (2008).

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